19. März 2019

Wohl dem Augenoptiker, der den Gorilla früh genug erkennt

Füttern verboten

Im Jahr 1999 führten zwei Professoren an der Universität von Illinois mit Ihren Studenten das sogenannte Gorilla-Experiment durch. Sie zeigten Ihnen ein kurzes Video, in dem zwei Teams, bestehend aus jeweils drei Personen, sich einen Ball zuwarfen. Ein Team war schwarz gekleidet, das andere weiß. Die Aufgabe der Studenten bestand darin, zu zählen, wie oft die weiß gekleidete Mannschaft Ballkontakt hatte. Nach ungefähr der Hälfte des ca. eine Minute dauernden Videos betrat eine als Gorilla verkleidete Person das Spielfeld, lief dort auf und ab und klopfte sich sogar in Gorilla-Manier gegen die Brust. Nach Ende des Videos konnten die Studenten die Frage nach den Ballkontakten der weiß gekleideten Mannschaft zu nahezu 100% richtig beantworten. Die Frage der Dozenten, wer denn den Gorilla gesehen hatte, rief jedoch Kopfschütteln und Fragezeichen in den Augen hervor.

 

Was war hier passiert? Eine ganz einfache Sache, die jedem von uns tagtäglich geschehen kann. Man sieht zwar etwas, nimmt es aber nicht wahr, weil man mit anderen, vorgeblich wichtigeren oder eiligeren Dingen beschäftigt ist. Hinterher fragt man sich dann oft schockiert, wie man das Geschehene denn so gar nicht erkannt hat, geschweige denn im Vorfeld kommen sah. Jeder Unbeteiligte würde sagen, dass das ja so kommen musste, nur man selbst war blind.

 

Sicher kennst du als Augenoptiker die Situation, unerwartet mit der plötzlichen Kündigung eines Mitarbeiters konfrontiert zu werden. Aber war die Kündigung tatsächlich so plötzlich oder bahnte sie sich vielmehr nicht schon über einen längeren Zeitraum an? Wenn du  im Nachhinein darüber nachdenkst, fallen dir bestimmt genug Situationen ein, aus denen klar werden konnte, dass der Mitarbeiter schon über eine längere Zeit hinweg immer unzufriedener wurde.

 

Noch deutlicher wird der Gedanke anhand von zwei Beispielen aus der Augenoptik-Branche. Schon in der Vergangenheit mussten wir erleben, wie sich manche große Hersteller fragwürdig verhielten. In Bruttopreislisten wurden Mond-Preise geführt. Die großen Ketten bekamen darauf gut 80% Rabatt, kleinere, inhabergeführte Augenoptiker-Fachgeschäfte knapp 30%. Obwohl alle um die Ungerechtigkeit wussten, wurde es dennoch als gegeben hingenommen. Bildhaft gesprochen sah man zwar den Gorilla, nahm ihn aber nicht wahr, geschweige denn dass man darauf reagiert hätte. Mit der Folge, dass ganz aktuell viele große Hersteller ihren Einfluss ausweiten, untereinander fusionieren oder in den Online-Handel investieren. Noch schlimmer, wenn dann der Hersteller, bei dem man so lange unter fragwürdigen Konditionen eingekauft hat, nun unter anderem Namen eigene Geschäfte eröffnet und somit zum direkten Konkurrenten wird.

 

Muss man sich das gefallen lassen? Ich denke nicht und das zeigt die Geschichte um eine Brillenmarke. Deren Kollektion war bei Augenoptikern überaus beliebt, da sie sich außergewöhnlich gut verkauften. Dann schloss die Brillenmarke einen Vertrag mit einem großen Online-Händler. Darauf strichen viele Optiker die Brillenmarke aus ihrem Sortiment. Mit der Folge, dass sich die Brillenmarke fast schon entschuldigen musste und versprach, künftig im Internet nur noch Sonnenbrillen zu verkaufen. Hier zeigte sich, was bei rechtzeitigem Erkennen einer Schieflage und entschlossenem, gemeinsamen Handeln erfolgreich bewirkt werden kann.

 

Ist das nicht eine richtige “David gegen Goliath”-Geschichte? Letztendlich geht es im Grunde darum, sich frühzeitig im Vorfeld, auch wenn noch keine konkrete Gefahr droht, zu überlegen, aus welcher Richtung Probleme für das eigene Unternehmen entstehen könnten. Welchen Wettbewerbsvorteil sucht der neue Augenoptiker in der Stadt? Was sind die eigenen Alleinstellungsmerkmale dagegen? Welche Firmen in der Branche sind gut für mich und welche nicht?

 

Sicher ist, dass wir alle in unser Tagesgeschäft eingespannt sind und der Blick über den Tellerrand oft aus diversen Gründen ausfällt. Dennoch sollten wir uns gerade als Inhaber die Zeit nehmen, den Blick auf das Große Ganze zu werfen und einer unserer eigentlichen Unternehmeraufgaben gerecht werden: Den uns bedrohenden Gorilla rechtzeitig erkennen, ihm mit stolzer Brust entgegentreten und vor allem ihn nicht weiter füttern.

 

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